Das Ecosystem Dialog als Basis für organisationale Weiterentwicklung

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… warum die Kulturtechnik Dialog für die Entfaltung der Welt neu entdeckt wird
… was das mit Unternehmen und jedem von uns zu tun hat

Drei Gründe warum Dialog für Unternehmen essenziell ist

Dialogfähigkeit ist in unserer vernetzten Welt eine der elementarsten Kernkompetenzen für das langfristige Überleben von Unternehmen. Es gibt mannigfaltige Gründe dafür. Hier seien drei davon angeführt.

Grund 1: Die Digitalisierung
Grund 2: Die Transformation hin zur innovationsfähigen Organisation
Grund 3: Die unsichtbare Architektur des Denkens

Unternehmen als Egosystem haben ausgedient. In einer vernetzten Welt von heute agieren Unternehmen in Ecosystemen. Je besser sie darin sind, umso innovativer und erfolgreicher werden sie in Zukunft sein.

Grund 1: Die Digitalisierung

Die Makroebene – die Evolution der Gesellschaft

Digitalisierung hat mit Vernetzung und Kommunikation zu tun. Das ist offensichtlich.

In der Zukunftsstudie „Digitale Erleuchtung“ schärft der Soziologe und Systemtheoretiker Dirk Baecker [1] unser Bewusstsein dafür, dass sich die Gesetzmäßigkeiten einer digitalisierten Gesellschaft grundlegend von der funktionalen Rationalität der Gesellschaft, wie wir sie jetzt kennen, unterscheiden werden.
Das Netzwerk der Zukunft wird keine spezifischen Grenzen haben, „es agiert jederzeit irritierbar und verknüpfbar“. An die Stelle der klaren Ordnungen früherer Gesellschaften setzt er in der nächsten Gesellschaft „eine offene Ökologie: die Faszination der Komplexität als überraschende, potenziell flüchtige Ordnung“. Weiter führt er aus, dass Menschen und Organisationen neue Kompetenzen und Kulturformen brauchen werden, um sich mit diesen Herausforderungen zurechtzufinden.

Abbildung 1: Vier Epochen in der Evolution der menschlichen Gesellschaft mit ihren dominanten Kommunikationsmedien: Sprache, Schrift, Buchdruck, Computer (Quelle: Studie „Digitale Erleuchtung“, Zukunftsinstitut 2016

Auch die „Global Digital Operations Study 2018“ von Strategy& [2], einer PwC-Tochter, zeichnet eine zutiefst vernetzte Welt. Sie spricht von vier Ecosystemen, in denen digitale Champions aktiv sein müssen. Technologie-Ecosystem und Mitarbeiter-Ecosystem bilden dabei die Grundlage für das Betriebs-Ecosystem, um das Kunden-Ecosystem möglichst gut bedienen zu können. Sämtliche unternehmerischen Prozesse interagieren dabei mit dem Ziel der laufenden Weiterentwicklung der Ecosysteme.

Wie lässt sich also mit diesem irritierbaren Netzwerk und der überfordernden Komplexität von Ecosystemen umgehen? Welche Mittel können zu unserer Orientierung beitragen?

Ich bin überzeugt, dass es dazu jede Menge digitaler Kommunikationsmittel bedarf. Doch das allein wird nicht reichen, denn parallel zur äußeren Transformation unserer Kommunikation wird es notwendig sein, auch unsere inneren Fähigkeiten (unsere Unternehmenskultur und unser Bewusstsein) für diese Herausforderungen der Vernetzung zu schärfen. Ziel dabei ist es, dass wir als Menschen trotz all dieser Komplexität gut handlungsfähig bleiben und als Gestalter dieser Welt agieren.

Lassen Sie uns nach einem Blick auf die Gesellschaft auf die Entwicklung von Unternehmen schauen.

Grund 2: Die Transformation hin zur innovationsfähigen Organisation

Die Mesoebene – die Evolution von Unternehmen

Trends wie Post-Carbon-Gesellschaft, Sharing-Economy, New Work und Individualisierung setzen eine Entwicklung in Gang, in der soziale und ökologische Aspekte auf neuartige Weise zusammenwirken werden. Damit bedrohen diese Trends klassische Business-Modelle massiv. Aus Unternehmenssicht heißt das, mit Unsicherheit und zunehmender Dynamik umgehen zu können. Wandelkompetenz sollte idealerweise in die DNA der Organisation eingewoben sein.

Abbildung 2: Entwicklung von der klassisch-hierarchischen zur generativ-demokratischen Unternehmenswelt: Wandel von Grundwerten (Quelle: INU-Modell, Schallhart 2018)

Um innovative Business-Modelle entwickeln zu können, müssen Unternehmen ihren Wahrnehmungsraum weit über sich selbst hinaus ausweiten. Es muss ihnen gelingen, neben dem Optimieren von bestehenden Produkten und Dienstleistungen (im Exploit-Modus) auch Regeln zu brechen und radikale Innovation umzusetzen. Neben dem Exploit-Modus braucht es also den Explore-Modus, der das Neue sucht. Für klassisch aufgebaute Unternehmen bedeutet dies eine grundlegende Transformation hin zu generativen-demokratischen Unternehmen [3]. Neben einem strukturellen Wandel von einem hierarchischen Organisations- und Führungsmodell ist dazu auch ein profunder Änderungs- und Entfaltungsprozess kultureller Art notwendig.

Kulturelle Veränderungen in einem Unternehmen können zwar über strukturelle Anreize wie beispielsweise agile Organisationsmodelle gefördert werden, aber ein nachhaltiger kultureller Wandel muss vor allem über das Bewusstsein und die Herzen der Menschen gestützt werden.

Im Folgenden beschreibe ich, wie durch ein neues tiefes Verständnis der Kulturtechnik des Dialogs genau jene Qualitäten ausgebildet werden können, welche es für die Entfaltung unserer Welt braucht.

Grund 3: Die unsichtbare Architektur des Denkens

Die Mikroebene – die Evolution des Gesprächs

Dem Dialog wohnt das Prinzip der Partizipation und Entfaltung inne. Das sagt William Isaacs , Vordenker und führender Praktiker des Dialogansatzes.

Er folgt damit David Bohm, der Erkenntnisse aus der Quantenphysik auf den Dialog umgelegt hat. Bohm fasst seine Einsichten zusammen mit „Die Welt ist nicht nur da draußen, die Welt ist in uns“. So wie in einem Samenkorn schon der ganze Baum enthalten ist. Nicht nur das Samenkorn ist die Ursache für das Wachsen des Baums. Auch Luft, Wasser, Boden (die gesamte Umwelt) sind die Ursache, dass sich dieser Baum aus dem Samenkorn heraus entfaltet.

So verhält es sich auch mit uns Menschen, mit unserem Wissen und unserer Bewusstheit. „Ich bin in der Welt, und die Welt ist in mir“ formuliert das Isaacs prägnant. Wir partizipieren alle an einem impliziten Netzwerk des Denkens, an einer inneren Ökologie des Denkens. Diese unsichtbare Architektur des Denkens können wir uns als Ecosystem dieser Welt vorstellen, das wir wohl nie ganz ergründenden werden.

David Bohm spricht in diesem Zusammenhang von einem „holographischen Paradigma“, das besagt, dass die Gesamtheit der Welt in unserem Bewusstsein ist. Wir und die Welt beeinflussen uns gegenseitig. In und durch uns entfaltet sich kontinuierlich ein implizites Potenzial.

Isaacs stellt klar, dass sich implizites Wissen nicht explizit machen lässt, denn implizites Wissen zeichnet sich dadurch aus, dass es dafür keine Worte gibt. Er sagt aber auch, dass wir implizites Wissen nicht ignorieren können, da es unser Handeln beeinflusst.

Wie können wir also an diesem impliziten Potenzial, diesem impliziten Wissen über die Gesamtheit der Welt andocken? Wie können sich Menschen in einem Unternehmen mit diesem Ecosystem verbinden, um gemeinsam Neues zu erkunden und die Zukunft zu erahnen?

Klar ist, dass es nicht mehr reichen wird, sich als einsamer Denker auf eine „Ich-Insel“ oder das eigene Egosystem zurückzuziehen. Es braucht Menschen, die sich darauf einlassen, vorbehaltlos gemeinsam zu denken und die bereit sind, sich der inneren Ökologie dieser Welt anzuvertrauen.

Möglich wird dies durch einen echten Dialog, der gemeinsames Denken ermöglicht. Ein Dialog bringt im Unterschied zu einer Debatte oder einer Diskussion radikal Neues (bisher nicht Gedachtes) hervor.

 


Zum Weiterlesen

 

Literatur

[1] Zukunftsinstitut GmbH (2016): Digitale Erleuchtung, Studie von zukunftsinstitut.de, Herausgeber: Christian Schuldt

[2] Strategy& (2018): „Global Digital Operations Study 2018“, PwC, http://t1p.de/864w (Zugriff 22.8.2018)

[3] Schallhart, Annemarie (2018): Neue Unternehmenswelt: Purpose driven und demokratisch, Artikel für Integrale Perspektiven 39/2018 und Blogbeitrag: Teil 1 – http://t1p.de/gjwn, Teil2 http://t1p.de/30u6 (Zugriff 24.8.2018)